Als ich das erstemal
das Wort Familienaufstellung las, hinterliess es mir jenes fade technische Gefühl wie so
manch andere Bezeichnung von Modellen, die auf das so vielschichtige Wesen Mensch
gestülpt werden, in der Hoffnung, ein klein wenig mehr zu verstehen.
Es verstrichen einige
Monate...
Wir treffen uns im
Freiraum, sinnigerweise; ein schöner, grosser Raum mit Holzboden, teilweise freigemachtes
Mauerwerk lugt hervor, Sitzkissen und Decken entlang der Wänden, im Kreis.
Ich bin neugierig und etwas nervös. Es ist das erstemal, dass ich hier bin und das, worum
es geht, kenne ich nur von Beschreibungen anderer, vermischt mit dem unbestimmten Gefühl,
dass es für mich irgendwie wichtig sein könnte.
Anstatt erst einmal
beobachten zu können wie "es" geht, werde ich gleich bei der ersten Aufstellung
gefragt, ob ich die Rolle der Mutter übernehmen möchte. Ich werde an der Hand geführt.
Da, ja, das ist gut hier, das ist der richtige Platz.
Hm, nein etwas mehr nach links, ja.
Nun lässt die Hand mich los, das ist also der richtige Platz.
Hm, denke ich, interessant.
Und dann passiert
etwas Verblüffendes. Ich werde plötzlich mit ganz anderen Gefühlen bestückt, ich
fühle meinen Körper anders als sonst und die Stimmung ändert sich. Und als noch mein
Sohn vor mich hingestellt wird, bin ich innerlich in eine Furie verwandelt, der Platz, auf
dem ich stehe, gefällt mir gar nicht mehr, und ich möchte am liebsten davonlaufen....
Was geht da vor sich?
Eigentlich ist es ja ganz einfach. Es stellt jemand, der z.B. seine Ursprungsfamilie
anschauen möchte, alle beteiligten Personen auf, d.h. Vater, Mutter, Brüder, Schwestern
... Er sucht sich aus den hier Anwesenden den entsprechenden Vertreter aus, der diese
Rolle spielt. Stellt jeden Beteiligten so auf im Raum, wie es ihm richtig erscheint,
nebeneinander, auseinander, gegenüber etc.
Der Leiter der Aufstellung stellt gezielte Fragen, die Darsteller geben Antwort und das
Übrige passiert einfach...
Das Faszinierende an der ganzen Geschichte ist, dass es funktioniert und auf
unerklärliche Weise auch Verschwiegenes oder Vergessenes zu Tage fördert und so
Lösungen von Trauer, Wut, Ohnmacht u.v.m. möglich macht.
Ich wage den Versuch
und stelle mein Ich und meine nun schon ernst gewordene Krankheit mit Hilfe zweier
Darsteller in den Raum. Es macht mir Sinn, dass ich die Krankheit vor das Ich stelle, sehr
dicht.
Ich spüre, weiss, dass es genau meiner Situation entspricht.
Dann setze ich mich wieder hin, in der Mitte die beiden Figuren hintereinander stehend.
Noch bevor die Leiterin der Aufstellung, Helena Krivan, die kleine Gruppe erreicht,
beginnt das Ich sich zu krümmen wie eine Blume die verdurstet, der Kopf an der Krankheit
angelehnt.
"Wie geht es dem
Ich?", fragt Helena.
"Mich zieht es zu Boden, mir geht es ganz schlecht!"
Wie geht es der Krankheit? "Mir geht es sehr gut! Ich fühle mich stark und
lebendig."
Das Ich bekommt mehr und mehr unsicheren Stand, es ruft: "Meine Knie! Meine Knie, ich
kann sie nicht biegen, sie sind steif, es drückt sie nach hinten!" Dabei hält es
sich an der Krankheit fest, um nicht hinzufallen...
Es braucht sehr viel
Einfühlungsvermögen und Gespür, um die richtigen Fragen im richtigen Moment zu stellen.
Es braucht geschulte Beobachtung, um die vielen kleinen Details wahrzunehmen. Helena ist
eine Meisterin, sie versteht ihre Arbeit.
Einwände wie: das ist doch alles Theater! oder: Ist doch nur ein Zufall! haben keinen
Bestand, denn die Sprache, die mir dies Schauspiel bot, die von mir ausgesuchten
Darsteller, die keine Ahnung von meiner Krankheit hatten, war deutlich und gab mir mehr
als nur eine Antwort.
Es funktioniert, sagt
der Verstand.
Es berührt die Essenz, sagt das Herz.
Es erinnert an die vergessene Kraft, die alles erschafft, sagt die Seele.
© GB Steijn 2000 |